Leseprobe
Aus „Deutschland, meine Liebe! - Teil 2“
Es ist irgendwann gegen 21 Uhr abends; der Tag ist der 9. Januar 2001. Winter, wie er im Buche steht. Ich liege lang ausgestreckt auf dem Bett in meiner Wohnung im Zentrum. Obwohl … ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich dort bin. Wenn ich dort bin, dann haben mich meine Beine automatisch von der superdeprimierenden grauen und furchtbar kalten Haltestelle in München-Fröttmaning bis hierher getragen. Irgendwo an der serbisch-ungarischen Grenze verlor ich jedes Gefühl für Zeit und Raum und fiel in die Schwerelosigkeit – obwohl mein Körper während der gesamten 1500 Kilometer, die ich in den letzten 29 Stunden zurückgelegt hatte, in tausend kleine Teile gefaltet war. Jetzt komme ich langsam wieder zu mir. Die eine Tasche habe ich irgendwo Richtung Wohnungstür geworfen, der Rucksack hängt wohl immer noch auf meinem Rücken, und der riesige Koffer mit Büchern, Lukanka, Kaschkawal und Ljutenitza … habe ich den etwa unten am Fuß der Treppe stehen lassen …
Wie in einer absolut fantastischen Twilight Zone erinnere ich mich an die Worte meiner Mutter:
– Du hast noch nie Ljutenitza gegessen?! Oder Lukanka! Wozu brauchst du dieses Buch … von Wera Mutaftschiewa. Du willst doch Anglistik studieren?
Worte, Worte, Worte gegen Bücher, Lukanka, Kaschkawal und Ljutenitza. Als ich zum ersten Mal aus Deutschland zu Weihnachten nach Hause kam, wurde mir klar, dass mir Bulgarien in den lächerlichen dreieinhalb Monaten, die ich dort verbracht hatte, furchtbar gefehlt hatte. Oder mir fehlte Mama, das Zuhause, das Gefühl, nicht an Arbeit, Geld und das tägliche Überleben denken zu müssen. Ich wusste es nicht genau, aber ich wollte irgendwie etwas von diesem Gefühl im Koffer mit zurück nach Deutschland nehmen.
Nun, jetzt bin ich hier! Die Lukanki liegen unten. Das Gefühl von Unbeschwertheit und Geborgenheit verflog augenblicklich beim Passieren des Grenzübergangs Kulata. Und die Lukanka verwandelte sich in eine simple trockene Wurst, über die jemand mit dem Nudelholz gefahren war. Nichts weiter.
Geld gab es keins, deshalb ging es diesmal mit dem Bus zurück. Damals hatte man die Wahl zwischen zwei Firmen. Ich nahm die etwas luxuriösere. Der Luxus erschöpfte sich darin, dass die Busse selbst etwas neuer waren. Das bedeutete aber noch lange nicht, dass es für die ursprünglich versprochenen 20 Stunden Fahrt eine Toilette an Bord gab. Nein, die Toilettengänge erforderten ein eigenes Anhalten des Busses an Orten, die der Fahrer nach … verdächtigen persönlichen Erwägungen vorab festgelegt hatte. Und sie waren exakt alle 6 Stunden eingeplant. Im Voraus! Außerplanmäßig wird nur gehalten, wenn uns die Polizei anhält! Alles klar? Und niemand zieht die Schuhe aus, das stinkt giftig.
Doch das Schicksal wollte mir die Busfahrt schon in Sofia vermiesen. Am Busbahnhof, etwa 30 Minuten vor der Ankunft des Busses, scannten wir uns bereits gegenseitig – die künftigen Bewohner dieses technischen Wunderwerks, das die Strecke zwischen Sofia und München in lächerlichen 20 Stunden zurücklegen sollte. Wir schwiegen und musterten einander verstohlen.
Es gab Studenten, aber die Mehrheit der künftigen Mitreisenden waren höchst mysteriöse Subjekte, die eine Menge Zeug am Körper trugen, was sie wiederum daran hinderte, sich frei zu bewegen. Zwei dunkelhäutige Typen hatten sich etwas in die Socken gestopft und rührten sich nicht von der Stelle. Nur ab und zu bückten sie sich, um zu prüfen, ob der Inhalt der Socken – nicht die Füße, sondern das andere – noch an seinem Platz war. Dicht um sie herum flatterten zwei Damen im sichtbaren Alter von 30 bis 40 Jahren, die offenbar zu irgendeiner Travestieshow unterwegs waren, denn das Make-up floss buchstäblich tonnenweise an ihnen herunter – vom Nebel, vom Rauchgeruch und überhaupt von diesem schweren Grau, das so typisch ist für Sofia im Januar.
Während ich meine Zellengenossen musterte, stieß mich mein Vater an:
– Pass bloß auf, dass du nicht neben diesem Galfon landest!
Und er zeigt auf einen Mann in einem riesigen grauen Pelzmantel, mit Melone, gefärbtem Schnurrbart und gefärbter schwarzer Lockenmähne bis zu den Schultern. Er rauchte eine Zigarre (!), und sein Bauch hatte die Ausmaße des einstigen Mausoleums von Georgi Dimitrow. Seine ganze Erscheinung ließ einen vor Wucht und leichtem Ekel schlucken.
– Tja, da kann man nichts machen! Sieh nur, wie wichtig er ist. Der passt doch nicht auf einen einzigen kleinen Sitz.
Doch weil das Schicksal es, ich sage es noch einmal, auf mich abgesehen hatte, quetschte sich bei der Ankunft des Busses genau dieses Wunder an Ästhetik und Hygiene seelenruhig in die dritte Reihe. Und wer sitzt auf dem Platz daneben, am Fenster? Natürlich der einstige Passagier der ungarischen Fluglinien – ich. Mutter, hilf! Liebste! Willst du mich hier zurücklassen! Ich finde, es ist schlimm, mit dem Flugzeug zu reisen und sich dann plötzlich in einem Bus wiederzufinden. Es sollte immer umgekehrt sein, denn sonst sind das Gefühl von Absturz, Erniedrigung und vor allem der Wunsch, die eigenen inneren Organe vor völliger Zerquetschung zu bewahren, allesverschlingend.
Meine Mutter hielt kaum die Tränen zurück. Ob sie mich je wiedersehen würde? Wem übergibt sie mich da?! Wem überlässt sie mich?! Mein Vater war wie immer rationaler:
– Pass auf dich auf! Sieh zu, dass du heil in München ankommst! Am besten steigst du überhaupt nicht aus dem Bus aus.
Selbst wenn ich gewollt hätte – mit dem Galfon neben mir hätte ich aus diesem Bus nicht aussteigen können, bis er entweder beschloss, mich, so bequem ans Fenster gedrückt, ein wenig fester zu quetschen und mich damit ein für alle Mal von allen Qualen dieser Welt zu erlösen, oder bis er selbst beschloss auszusteigen.
Die Einnahme meines kleinen Plätzchens – 3A, am Fenster – war erwartungsgemäß einer olympischen Goldmedaille im Kunstturnen würdig. Als ich mich dem Pelzwunder mit dem fettigen Lockenhaar und dem gefärbten Schnurrbart näherte, hielt ich kurz inne. Ich brauchte eine Strategie für meinen Feldzug zu Platz 3A. Ich sah mich um, zog gedanklich Vektoren kreuz und quer durch den ganzen Bus. Im Geiste schwang ich auch einen Zirkel, um zu sehen, ob Berechnungen mit Radius vielversprechendere Ergebnisse liefern. Und dann ging es los:
– Guten Tag! Die nächsten zwei Tage reisen wir gemeinsam bis München. Irgendwie muss ich zu meinem Platz gelangen. Könnten wir zu Beginn vielleicht diesen Koffer entfernen, den Sie in den Händen halten und der meinen Sitz vollständig bedeckt?
– Mmm …
Er würde den Koffer nicht loslassen!
– Gut, wäre es dann möglich, Ihr linkes Bein in den Gang zu stellen, sodass es einen Winkel von neunzig Grad zum Sitz bildet, anschließend Ihren Oberkörper um etwa zwanzig Grad gegenüber dem Bein im Gang zu neigen und den Koffer vorübergehend auf den Boden zu stellen?
Meine Rechnung war eindrucksvoll, präzise und inspirierend – zumindest der folgenden Reaktion nach zu urteilen:
– Hör ma zu, der Koffer bewegt sich nich aus meinen Händen, auch wenn 'ne Atombombe diesen Bus in die Luft jagt. Alles klar?! Los, geh durch, ich werd mich nich die ganze Fahrt mit dir rumärgern!
Es lief schlecht an … Sollte ich es vielleicht doch lassen? Ich war nur drei Monate in Deutschland gewesen! Als wäre ich auf irgendeinem superlangen Ausflug gewesen. Gut, aber meine Mutter und mein Vater sahen mich mit stark aufgesetztem Lächeln an, als wollten sie mir Mut machen, dass es mit jedem Tag in Deutschland besser werden würde; dass die Winter in Deutschland nicht grau sind – sie sind bunt und frühlingshaft.