Leseprobe
Aus Kapitel „Universität 3“

[…] Ich muss zugeben, dass ich zu dem Zeitpunkt schon ein gewisses Selbstbewusstsein aufgebaut hatte. Tatsache war: Bei den schriftlichen Prüfungen, mit denen man gleich in der ersten Woche auf uns losging, war ich der absolute, unangefochtene Spitzenreiter – Klassenbester ohne Konkurrenz. Ich verstand die Aufgaben. Zugegeben, ich büffelte Tag und Nacht, aber ich verstand sie perfekt. Viele der deutschen Kommilitonen dagegen fielen reihenweise durch. Zwei waren sogar schon exmatrikuliert worden, weil sie durch drei Prüfungen gefallen waren – und wer an einer deutschen Uni dreimal durchfällt, der ist weg. Für mich bestand diese Gefahr nicht. Die Prüfungen waren immer anonym und enthielten ausschließlich Aufgaben aus organischer und anorganischer Chemie. Keine Texte. Nichts. […]
[…] So ordentlich und blitzsauber die anderen Labore waren, so sehr herrschte in meinem das reinste Chaos. Anfangs führte ich Listen, in denen ich die Dinge ohne ihre richtigen Namen beschrieb, nach meinem eigenen System. Statt die Fachbezeichnungen zu benutzen, dachte ich mir eigene aus. Zum Beispiel:
Gelber Brenner mit wolkenförmigem Kratzer – 1 Stück.
Gelber Brenner, etwas größer als der vorige, mit einem X am Gasausgang – das X hatte ich mit Kugelschreiber draufgemalt, was die Assistenten schockierte; sie meinten, ich hätte den Brenner damit zur Explosion bringen können, und nahmen ihn mir weg.
Kolben von der Länge des Mittelfingers – 7 Stück.
Kolben von der Länge eines Kugelschreibers mit Kappe – 30 Stück.
Und so weiter. Natürlich funktionierte diese Methode nicht. Sie funktionierte nicht nur deshalb nicht, weil ich mir partout nicht die Namen und Bezeichnungen des ganzen Geschirrs in diesem Labor merken wollte, sondern auch, weil ich am nächsten Morgen fast nichts mehr von der Liste wiederfand.
Der Grund war einfach: Ich ließ die Kolben nicht zum Spülen stehen, obwohl sie eigentlich auf besondere Weise in einem speziellen Raum gereinigt werden mussten und so weiter. Ich spülte sie kurz durch und setzte sie sofort im nächsten Experiment wieder ein. Viele Kolben gingen dabei kaputt. Andere verschwanden einfach.
Ich lief ständig mit den Brennern herum. Die faszinierten mich. Nicht selten versuchte ich, mir damit meinen Kaffee zu wärmen oder den Kugelschreiber zu schmelzen. War halt interessant! Ich hatte noch nie zuvor einen Brenner aus solcher Nähe gesehen. Wie viele Brenner ich dabei ruiniert habe, ist mir bis heute nicht bekannt.
In zwei Monaten Experimentieren hatte ich mehr Material verbraucht, als ein ganzer Jahrgang in einem ganzen Jahr nicht geschafft hatte. Krause ließ es sich natürlich nicht nehmen, das zu betonen. Ich dagegen führte vor allen einen Siegestanz auf und schrie halb im Scherz, halb hysterisch: „Olympisches Gold für Bulgarien! Wir schlagen die ganze deutsche Mannschaft!“ Die Kommilitonen lachten. Krause fand das gar nicht komisch und wiederholte unablässig, dass man mich, wenn ich die Sicherheitsvorschriften nicht einhalte, zu einem der Assistenten ins Labor stecken werde. Damit schreckst du höchstens einen Hund mit einer Wurst! Ausgerechnet ich sollte mir am Brenner den Kaffee wärmen, während der andere mir nach Anionen sucht.
Die ganze Sache endete aber nicht mit meinem laxen Umgang mit den Chemikalien. Ihr erinnert euch vielleicht, dass ich einen Behälter im Labor erwähnt hatte. Ein merkwürdiges Ding, dachte ich anfangs – wozu dieser Haushaltskübel wohl gut sein sollte. Es stellte sich heraus, dass er megawichtig und unverzichtbar war. Man füllt darin keine rohen Gurken ein, sondern entsorgt die Rückstände aus den Versuchen, die man in den Kolben angerührt hat.
Ich benutzte ihn – das schon. Aber auch hier hatte ich offenbar etwas übersehen. Wenn ich durch die Labore der anderen tigerte, fiel mir stark auf, dass deren Behälter ganz normal aussahen: Sie standen brav da, waren sauber, ordentlich und enthielten nur wenig chemischen Abfall. Meiner dagegen führte ein Eigenleben.
Das Erste, was die Leute, die ihre Behälter einmal die Woche in irgendwelche Spezialcontainer entleerten, zum Wahnsinn trieb, war, dass meiner immer randvoll war. Und zwar nicht nur bis zum letzten Gewinde, sondern kurz vorm Überlaufen. Noch seltsamer war aber, dass in meinem Behälter tatsächlich etwas passierte. Etwas Merkwürdiges, Interessantes und Beängstigendes zugleich. In meinem Behälter fand das Jüngste Gericht statt. Irgendetwas darin hörte nicht auf zu kochen, zu hüpfen, zu zischen und das Gefäß in Bewegung zu versetzen. Jedes Mal, wenn ich etwas hineinwarf, wurde es spannend, sodass sich die Reaktionen darin ungeheuer verstärkten. Ich hatte mich so sehr an diese kuriose Tatsache gewöhnt, dass ich mir eine Strategie zurechtgelegt hatte: Beim Hineinwerfen des angerührten Gebräus sprang ich jedes Mal energisch zurück, denn es war schon mehr als einmal vorgekommen, dass der Behälter regelrecht ausbrach und mich mit dem selbstproduzierten Elixier übergoss. Dadurch sah mein Kittel als einziger ziemlich haute couture aus – mit allen möglichen Farben drauf, dazu vielen verbrannten Stellen, von denen sich Fäden aus zerfressenem Stoff zogen, und so weiter.
Ungewollt bekam ich den Ruf eines Menschen, der es mit dem Temperament seiner Experimente etwas übertreibt. Das Gerücht sprach sich auch in den anderen Laboren herum, und niemand ließ mich mehr seinen chemischen Abfall in seinem Behälter entsorgen. Ingrid war in dieser Hinsicht am unnachgiebigsten:
„Ja, hallo, Schatz, ich will hier nur schnell dieses Gemisch in deinen Behälter kippen, meiner ist wieder sauer auf mich, und ich trau mich nicht, den Deckel aufzumachen!“
„Oh nein! Du nicht! Du wirfst gar nichts in meinen Behälter!“ – sie war kategorisch und ließ klar erkennen, dass es hier nichts zu verhandeln gab.
Von allen gemieden, von allen Kommilitonen verschmäht – selbst vom sonst so aufgeschlossenen Sebastian –, ging ich zurück in mein Labor und wartete mit Angst und Zittern darauf, womit mich mein Behälter dieses Mal überschütten würde.